Blick nach Afghanistan


Der Afghane Said Azami (links) mit Ibraimo Alberto im Palais Hirsch (Schwetzingen).
Der Afghane Said Azami (links) mit Ibraimo Alberto im Palais Hirsch (Schwetzingen).

Ab und an schauen wir auf den ehemaligen Schwedter Ausländerbeauftragten Ibraimo Alberto, der nun in Karlsruhe eine neue Heimat gefunden hat. Auf Einladung des Chefredakteurs kam er nach Schwetzingen. Bei der Präsentation eines Buches im Palais Hirsch mit 40 Porträts zu Schwetzinger Persönlichkeiten, bei dem auch der Chefredakteur durch Oberbürgermeister René Pöltl Berücksichtigung fand, kam es zum Austausch zwischen Stadträtin Raquel Rempp und Ibraimo Alberto

Aufmerksam las sie das Buch des in Mosambik geborenen Karlsruher, der dort ausführlich das Verlassen der Heimat schilderte.

 

Raquel Rempp hat sich gemeinsam mit dem Afghanen Said Azami ans Aufschreiben einer spannenden Geschichte gemacht. Hier  schildert sie für die Rundschau die Entstehung:

 

"Ein junger Mann, der aus seiner Heimat Afghanistan fliehen musste, kam 2014 in Schwetzingen an. Im Flüchtlingscamp auf dem Parkplatz der Kilbourne Kaserne in Schwetzingen teilte er sich mit zwei anderen jungen Männern 14,5 qm. Eng, laut - keinerlei Privatsphäre. Und das fast zwei Jahre lang. Er schrieb, er schrieb und schrieb. Seitenweise, ganze Hefte voll. Alles auf Persisch. Als ich ihn kennenlernte, sprach er kaum Deutsch. Trotzdem verstand ich fast immer, was er sagen wollte, was er ausdrücken wollte. Er wollte die Menschen informieren über sein Land, über die Situation der Menschen dort. Er wollte aber auch seine Wünsche mittels der Poesie formulieren. Er war einsam, anders als andere. Manche hielten ihn vielleicht für einen Spinner. Aber ich spürte seine Verzweiflung, seine Traurigkeit. Als er mich fragte, ob ich helfen könnte beim Übersetzen seiner Texte, sagte ich spontan zu. Die Persischen Schriftzeichen waren für mich natürlich nicht lesbar, also kauften wir uns Wörterbücher, viele Bücher. Deutsch/Persisch. Persisch/Deutsch und fingen einfach an zu arbeiten. Zu reden, zu schreiben, zu übersetzen. Mir hat das unheimlich viel Spaß gemacht. Ich habe so viele Dinge gelernt und Said Azami konnte sich endlich mitteilen, sich viele Dinge von der Seele sprechen und schreiben. Wir fingen mit einfachen Texten an, die er dann auf verschiedenen Veranstaltungen vorlas. Ich erkannte sofort, dass ihm das gut tat. Er fühlte sich plötzlich wieder wie ein Mensch. Viele Dinge gehen sehr unter die Haut. Terror, Mord, sexueller Missbrauch, und immer wieder Tod und Ängste. Ich fragte mich oft, wie kann ein Mensch so vieles ertragen und überleben? Und noch einigermaßen normal dabei bleiben? 

 

Er schrieb weiter. Wir sprachen weiter. Eines Tages sagte ich zu ihm, dass er ein Buch schreiben sollte. Ich versprach ihm, dass ich ihm dabei helfen würde. Also, wurden aus den vielen, vielen Heften und Blättern so nach und nach ganze Texte. In Kleinstarbeit versuchten wir gemeinsam, alles zu strukturieren und auf Deutsch zu formulieren. Ich schrieb alles erst in Schreibblöcke. Mehrere Blöcke voller Geschichten. Immer wieder kamen neue Dinge, neue Gedanken dazu. Geduldig hörte ich zu, ließ ihn reden, drängte nicht, sondern wartete einfach nur ab. Irgendwann einmal war es dann soweit: Ich konnte die gesamten Texte nach und nach in den PC eingeben und lesen. Immer wieder lesen, korrigieren, verändern, ergänzen.

Jetzt halten wir das Resultat bald in Händen:  "Mut zu neuen Wegen" - ich freue mich.

"Dies ist eine ganz besondere Lebensgeschichte: Diejenige eines Mannes, der aus seinem Land fliehen, seine Heimat verlassen musste. Das Buch umfasst viele geschichtliche, politische und menschliche Erzählungen und gewährt dem Leser zugleich Einblicke in eine für uns Mitteleuropäer völlig fremde Kultur und Welt. Es lässt uns schonungslos teilhaben an den Ängsten und Erfahrungen der Menschen in Afghanistan. Said Azami spart nicht an ehrlicher Kritik am System. Darüber hinaus äußert er seine Träume und Wünsche in klaren Worten wie auf poetische Weise. Der Autor erzählt über seine zum Teil brutale Kindheit, über sein Leben als Jugendlicher in Afghanistan, über die lebensgefährliche Flucht über hohe Gebirge, dunkle Wälder, tiefe Täler und wilde Ozeane. Er beschreibt sein Ankommen in Europa, vor allem in Deutschland. Said Azami lässt den Leser teilhaben an seinen Gefühlen: Wie es war als Sohn eines Mullahs in einem kleinen Dorf im Norden Afghanistans zu leben, den Einmarsch der Sowjetunion ins Land miterleben zu müssen, am eigenen Leib die Bürgerkriege der Mudschaheddin und der Taliban zu erfahren sowie den Verlust der Eltern und vieler anderer Familienangehörigen ertragen zu müssen. Er berichtet uns über den harten Kampf ums Überleben.

 

Ich hatte das Glück bei der Entstehung des Buches mitwirken zu dürfen. Die Geschichte Afghanistans und Herr Azamis persönliche Geschichte haben mich von Anfang an fasziniert und extrem emotional berührt. Für mich, die sich vorher kaum mit dem Land Afghanistan auseinandergesetzt hatte, war es unheimlich spannend, fesselnd und interessant, so viele Dinge und Ereignisse praktisch ›live‹ hören, erfahren und nachlesen zu können. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in diese fremde, teils sehr erschreckende und auch traurige Welt habe eintauchen dürfen. Jeder, der wissen möchte, warum in Afghanistan keine Ruhe einkehrt, was es mit den Menschen und der verworrenen politischen Geschichte des Landes auf sich hat, wird beim Lesen dieses Buches viele Antworten auf seine Fragen finden. Davon bin ich überzeugt.

 

Ich hoffe und wünsche mir, dass es viele Menschen geben wird, die das Buch lesen. Die daran interessiert sind mehr über das Land und die Menschen in Afghanistan zu erfahren.

Für viele wird es sicher nicht einfach zu lesen sein. Manch einem erscheint es vielleicht wirr und chaotisch: Aber das spiegelt genau die jahrhundertelange Situation Afghanistans: Wirr und chaotisch." 

 

Es ist bereits das zweite Buch von Azami. Sein erstes mit dem Titel "Der Bruch der Frauenrechte" verfasste er, als er sich einige Jahre versteckt im Iran aufhielt.

 

Zusammen mit der Volkshochschule wird das Buch am 30. September 2016 um 19 Uhr im Palais Hirsch vorgestellt, eine schöne Netzwerkgeschichte.

Interessenten können sich direkt bei Raquel Rempp unter remppr@gmx.de melden

 

Beitrag: Frank Bürger

Foto: Raquel Rempp

 

Co-Autorin Raquel Rempp mit Ibraimo Alberto. Foto: Theo Stadtmüller
Co-Autorin Raquel Rempp mit Ibraimo Alberto. Foto: Theo Stadtmüller

Kontakt zum Autor: 

f.buerger@prenzlauer-rundschau.de


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